Erich Kästner – Die dreizehn Monate

Erich Kästner (1899-1974)

Die dreizehn Monate

‘Mit jedem Pulsschlag wird aus Heute Gestern.’

Wir haben uns die wunderschönen und vor allem zeitlosen Gedichte aus diesem Zyklus zum Vertonen ausgesucht.

Alle Kompositionen sind von Norbert.

Die Aufnahmen wurden von uns, dem Duo ›con emozione‹, erarbeitet und gestaltet. Alle 13 Gedichte werden live gesungen und gespielt.

Die dreizehn Monate


Erich Kästner selbst erklärte im Vorwort, er schreibe die Gedichte als „ein Großstädter für Großstädter“, der sich auf die Schönheit des Kreislaufs der Jahreszeiten und der Natur besinnen wolle. Dieser Zyklus gilt als eines der romantischsten und idyllischsten Werke Kästners.


Die ersten zwölf Gedichte behandeln je einen Monat in der Reihenfolge des Kalenders. In jedem preist er die Schönheit, aber auch die melancholischen Seiten der jeweiligen Jahreszeit. Fast immer geht es um das unweigerliche Vergehen der Zeit. Durch 12 Gedichte zieht sich das Motiv vom Älterwerdens des Jahres, bis es in Der Dezember schließlich alt ist und sich auf den Abschied vorbereitet.

Das Gedicht Der dreizehnte Monat wird als ein fiktiver „Schaltmonat“ beschrieben, der aus dem Besten aus allen anderen Monaten besteht. Am Ende schreibt Kästner, dass es einen solchen Monat nicht geben kann, und schließt mit den Worten:

„Es tickt die Zeit. Das Jahr dreht sich im Kreise.
Und werden kann nur, was schon immer war.
Geduld, mein Herz. Im Kreise geht die Reise.
Und dem Dezember folgt der Januar.“



Die ersten zwölf Gedichte entstanden im Auftrag der Schweizer Illustrierten Zeitung, in der sie zwischen dem 30. Dezember 1952 und dem 7. Dezember 1953 als monatliche Serie erschienen. Somit mußte er mit dem Schreiben dem jeweiligen Monat immer 6 Wochen voraus sein. (Januar im November, Februar im Dezember etc.) Den dreizehnten Monat schrieb Kästner erst 1954. Zu dieser Zeit verfasste er das Vorwort für die Buchausgabe. Das Buch erschien 1955 im Atrium Verlag mit Illustrationen von Richard Seewald.


Wir halten u.a. die 6. Auflage des Atrium-Verlages (2024) mit den originellen und sehr schönen Illustrationen von Hans Traxler in der Hand.

(Zum Vergrößern auf das Bild klicken.)

Der Mai - Kästner/Traxler

Hier erhalten Sie einige Hörproben davon!

1. Der Januar

 
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Der Januar

Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Der Weihnachtsmann ging heim in seinen Wald.
Doch riecht es noch nach Krapfen auf der Stiege.
Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Man steht am Fenster und wird langsam alt.
Die Amseln frieren. Und die Krähen darben.
Und auch der Mensch hat seine liebe Not.
Die leeren Felder sehnen sich nach Garben.
Die Welt ist schwarz und weiß und ohne Farben.
Und wär so gerne gelb und blau und rot.
Umringt von Kindern wie der Rattenfänger,
tanzt auf dem Eise stolz der Januar.
Der Bussard zieht die Kreise eng und enger.
Es heißt, die Tage würden wieder länger.
Man merkt es nicht. Und es ist trotzdem wahr.
Die Wolken bringen Schnee aus fremden Ländern.
Und niemand hält sie auf und fordert Zoll.
Silvester hörte man’s auf allen Sendern,
dass sich auch unterm Himmel manches ändern
und, außer uns, viel besser werden soll.
Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Und ist doch hunderttausend Jahre alt.
Es träumt von Frieden. Oder träumt’s vom Kriege?
Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Und stirbt in einem Jahr. Und das ist bald.
 
trenner

3. Der März

 
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Der März

Sonne lag krank im Bett.
Sitzt nun am Ofen.
Liest, was gewesen ist.
Liest Katastrophen.
Springflut und Havarie,
Sturm und Lawinen, -
gibt es denn niemals Ruh
drunten bei ihnen.
Schaut den Kalender an.
Steht drauf: "Es werde!"
Greift nach dem Opernglas.
Blickt auf die Erde.
Schnee vom vergangenen Jahr
blieb nicht der gleiche.
Liegt wie ein Bettbezug
klein auf der Bleiche.
Winter macht Inventur.
Will sich verändern.
Schrieb auf ein Angebot
aus andern Ländern.
Mustert im Fortgehn noch
Weiden und Erlen.
Kätzchen blühn silbergrau.
Schimmern wie Perlen.
In Baum und Krume regt
sich's allenthalben.
Radio meldet schon
Störche und Schwalben.
Schneeglöckchen ahnen nun,
was sie bedeuten.
Wenn du die Augen schließt,
hörst du sie läuten.
 
die dreizehn monate

12. Der Dezember

 
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Der Dezember

Das Jahr ward alt. Hat dünne Haar.
Ist gar nicht sehr gesund.
Kennt seinen letzten Tag, das Jahr.
Kennt gar die letzte Stund.
Ist viel geschehn. Ward viel versäumt.
Ruht beides unterm Schnee.
Weiß liegt die Welt, wie hingeträumt.
Und Wehmut tut halt weh.
Noch wächst der Mond. Noch schmilzt er hin.
Nichts bleibt. Und nichts vergeht.
Ist alles Wahn. Hat alles Sinn.
Nützt nichts, daß man's versteht.
Und wieder stapft der Nikolaus
durch jeden Kindertraum.
Und wieder blüht in jedem Haus
der goldengrüne Baum.
Warst auch ein Kind. Hast selbst gefühlt,
wie hold Christbäume blühn.
Hast nun den Weihnachtsmann gespielt
und glaubst nicht mehr an ihn.
Bald trifft das Jahr der zwölfte Schlag.
Dann dröhnt das Erz und spricht:
"Das Jahr kennt seinen letzten Tag,
und du kennst deinen nicht."
 

Am Kästner-Denkmal in Dresden (Albertplatz)

Duo ›con emozione‹ - Kästnerdenkmal
Erich Kästner - Denkmal Spruch

(Zum Vergrößern auf das Bild klicken!)

Konzerttermine für dieses Programm!

 

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